Ätsch 2
In Rockenhausen bei Kaiserslautern toben die Bären, fliegen die Kühe - und stehen Castoren. Am 10. Dezember 2003 wurden die Behälter aus den AKW Stade, Brokdorf, Unterweser und Grohnde auf ihrem Weg in die Wiederaufarbeitungsanlage nach La Hague zwischen Rockenhausen und Imsweiler zunächst durch das internationale Stopzeichen (Schwenken einer weißroten Fahne am Tag) gegen 16:15 angehalten. Überraschend für den Lokfühhrer, der bei Minusgraden nicht mit einer Blockade gerechnet hatte, und auch für die Polizei, die vor Weihnachten schon garnicht mehr auf eine solche unverhoffte Abwechslung eingestellt war. Die beiden Aktivisten, die schon beim Gorleben-Transport einen Monat zuvor den Castor aufgehalten hatten, waren auch diesmal in einem Rohr angekettet. Und weil kurz vor Weihnachten die Vorfreude auf Überaschungen und Paketeauspacken schon besonders groß ist, hatten sie die Rohrkonstruktion diesmal mit Geschenkpapier umwickelt.
Zur Abwechslung kam diesmal eine doppelte Rohrkonstruktion zum Einsatz, um es den Technikern nicht so leicht zu machen wie beim Transport ins Wendlandt. Auch die BGS.Beamte waren kreativ und ließen sich nicht von der Idee abringen, eine Flex einzusetzen. Dabei ergab sich zunächst das Problem, daß nur eine Feuerschutzdecke vorhanden war, die zweite musste erst im Zug gesucht werden, aber schließlich begannen die Befreiungsmaßnahmen.
Schicht für Schicht arbeiteten sich die Techniker durch das Rohr und entwickelten ungeahnten Ehrgeiz. Auch vom Verlust zweier Flex-Scheiben ließen sie sich nicht entmutigen. Bemerkungen des Einsatzleiters, daß nur 40 Minuten zurück eine Weiche zur Alternativstrecke sei, und wann denn die beiden aus dem Rohr kämen wurden souverän mit "Bald!" gekontert, obwohl noch nicht absehbar war, wieviele Schichten in dem Rohr für Abwechslung und Zeitverlust sorgen würden: Mehrfach wechselnde Schichten Dachpappe und Metall hielten die Techniker auf Trab.
Nach zwei Stunden schließlich wurde die Rohrmitte erreicht, wo ein Üerraschungsei auf die Techniker wartete. Das hatten diese sich aber auch redlich verdient.
Die beiden Aktivisten wurden diesmal in den Zug verladen und fuhren dort bis nach Impsweiler mit, wo sie von der örtlichen Polizei ohne Umwege nach Rocki, wie Einheimische den Ort liebevoll nennen, gebracht wurden. Mit einer Haltezeit von insgesamt 2:22 Stunden konnte der Erfolg vom Vormonat wiederholt werden. Auf dem Revier wurde dann noch einmal das Improvisationstalent der Polizei gefragt: weil der BGS das Rohr ungünstig geöffnet hatte, konnte einer der Aktivisten nicht schon auf den Schienen befreit werden und hatte das Rohr noch am Arm hängen. Da aber noch eine Erkennungsdienstliche Behandlung folgen sollte, und sich Rohrabdrücke in den Akten garnicht gut machen, musste nocheinmal ein Bolzenschneider besorgt werden.
Drei Mann hoch mit vielen Sternchen konnten nach eingehender Beratung auch diese Hürde meistern. Nach knapp drei Stunden waren die Aktivisten wieder auf freiem Fuß und die Rockenhausener Polizei ließ sie fast schon traurig gehen. "Ist ja sonst nix los hier! Wegen uns könnt ihr nächstes Jahr wieder kommen!" gaben einige Beamte den beiden auf den Weg.
Neben den beiden Angeketteten wurde diesmal lediglich ein Kameramann des SWR in Gewahrsam genommen, alle anderen an der Aktion beteiligten wurden nicht gefasst.
So recht hatte niemand erst recht nicht in Rockenhausen mit der Blockade eines WAA-Transportes gerechnet, der Lokführer bescheinigte den an der Aktion Beteiligten einen ziemlichen Idealismus, sich bei Minusgraden festzuketten. Damit lag er durchaus nicht falsch: die beiden Angeketteten wollen mit dieser Aktion nicht nur gegen Atomkraft protestieren, sondern besonders darauf hinweisen, daß es keine zivile Nutzung von Atomkraft gibt, daß immer eine militärische Nutzung damit einhergeht und der Müll aus deutschen AKW in Frankreich und Groß-Britannien durch die Wiederaufarbeitung zur Herstellung von Atomwaffen genutzt wird und dieses Problem nicht an nationalen Grenzen halt macht.
Für die Aktivisten geht der Widerstand nun weiter. Sie sehen die anstehenden Prozesse als Teil der politischen Arbeit und wollen sie nutzen, um die Legitimität dieser und anderer Protestaktionen auch durch Gerichtsurteile feststellen zu lassen. Der gewaltfreie Protest gegen Atomkraft und Atomanlagen ist nicht kriminell, sondern Notwehr gegen ein rücksichtloses Bündnis aus Politik, Atomindustrie und Militär. Das kostet natürlich Geld, deshalb spendet reichlich.
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