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"Die Polizei - ein Beruf, so interessant wie das Leben" lautet ein vielbelächelter Werbeslogan der Baden-Württembergischen Staatsgewaltler. Und wenn in den Amtsstuben mal die Langeweile ausbricht, schauen sie auch gerne mal zu Hausbesuchen vorbei und interessieren sich für private Korrespondenz, Bücher und Schrankinhalte. Am 30. Oktober 2003 eruptierte im Raum Karlsruhe/Heidelberg mal wieder die Langeweile und zur Bekämpfung derselben beschlossen verschiedene Polizisten einen Betriebsausflug in die Wohnungen einiger "konspirativer" Anti-Atomkraft-Aktivisten. Als Vorwand diente hierfür eine nächtliche Kundgebung vor dem AKW Phillipsburg, bei der die Personalien aller sieben Beteiligter festgestellt worden waren. Leider hatten es die Aktivisten versäumt, eine Einladung auszusprechen, weshalb die Beamten sich dazu genötigt sahen, selbst tätig zu werden. Da kam es gut gelegen, dass in der selben Nacht im Gleisbett einer 10km vom AKW entfernten ICE-Strecke eine Metallplatte gefunden wurde, die dort von Unbekannten hinterlassen worden war (oder auch von einem Güterzug stammen könnte, wie Zeitungen meldeten)- ein schändlicher Anschlag auf Anstand, Moral und die demokratische Grundordnung, wie es scheint. Die Beamten zählten 1 und 1 zusammen, kamen auf 7 und folgerichtig musste bei nächstbester Gelegenheit - Ausbruch der Monotonie - mal untersucht werden, wie gefährlich die Aktivisten nun sind, bzw. wie interessant deren Leben ist.

Die Idee, dass jemand, der einen Anschlag auf eine ICE-Strecke plant und ausführt, in der gleichen Nacht mit einem Megaphon bewaffnet vor einem nahegelegenen AKW Parolen grölt und eine Personalienkontrolle provoziert, ist zwar von skurriler Schönheit, aber dennoch absurd. Doch Dienst ist Dienst, Vorschrift Vorschrift und Langeweile, nunja, eben langweilig. Und so trafen sie sich, die Beamten bei den Aktivisten, mitunter überrascht, dass es Adressüberschneidungen gab, aber das diente ja nun der Auflockerung.

Interessantes wurden bei den Durchsuchungen wohl auch gefunden, schließlich wurden unter anderem private Korrespondenz, ein Zettel mit der Aufschrift "Staatsgewalt", mehrere Computer und - wahrscheinlich zur Unterhaltung der Beamten der Spätschichten - ein Hochzeitsvideo beschlagnahmt. Ob allerdings ermittlungsrelevante Informationen gefunden wurden, ist bislang nicht bekannt.

Einige Tage vor dem Gorleben-Transport flatterte dann den 7 "Kriminellen" ein Verbot ins Haus, sich während des Transports den Karlsruher Gleisanlagen zu nähern. Natürlich ist Karlsruhe schon alleine wegen seiner Eigenschaft als badische Landeshauptstadt äußerst attraktiv, aber just am 10. November wollte da irgendwie niemand mehr hin.

Recht spontan hatten sich vielmehr einige Menschen zusammengefunden, die einen Ausflug in das Jagsttal unternehmen wollten um dort unter Zuhilfenahme einer simplen mechanischen Vorrichtung eine Prüfung des technischen Zugbegleitpersonals unter realen Bedingungen zu unternehmen. Insbesondere interessierte dabei, ob der Beruf "Polizei" wirklich so interessant wäre, wie eingangsbehauptet. Zwischen Siglingen und Züttlingen im Landkreis Heilbronn wurde zu diesem Unterfangen der Castortransport aus La Hague gegen 20:10 Uhr mit Hilfe des internationalen Zugstopzeichens (Bei Nacht: Kreisförmiges Schwenken einer roten Lampe) zum Halten gebracht.

Der erste Prüfungsteil "Abbremsen des Zuges" kann sowohl in der Pflicht(Länge des Bremsweges: immerhin einige hundert Meter) als auch in der Kür (Pyroeffekte durch glühende Bremsen und Funkenschlag) als voller Erfolgbetrachtet werden. - Sound, Light und Gestank - Für jeden Geschmack war was dabei, meinte einer der Beobachter im Anschluss. Schon der zweite Prüfungsteil jedoch wies erhebliche Mängel auf: Heranführung des Zuges an die Blockade.

Obwohl schon gegen 20:20 ein Hubschrauber über der eigentlichen Blockade stand und die Prüfer mit seinem Lichtkegel erfasst hatte, dauerte es noch weitere 35 Minuten, bis die ersten Beamten am Tatort eintrafen. Dies lag wohl an der günstigen Lage der Blockadestelle zwischen einem Steilhang und dem Fluss jeweils ca. 1,5 km vom nächsten Bahnhof entfernt und mit Kraftfahrzeugen schwer zu erreichen.

Schnell wurde den Einsatzleitern klar, dass der 19-jährige Brite und der 28-jährige Odenwälder, die sich in einem Rohr unter den Schienen angekettet hatten, der Aufforderung den Gleisbereich zu verlassen nicht Folge leisten konnten, ganz im Gegensatz zu sechs weiteren Juroren, die sofort in Gewahrsam genommen wurden - und somit die Techniker gefragt waren. Diese gingen mit erstaunlicher Gelassenheit ans Werk und der vorbildliche Einsatzes eines Kranzbohrers öffnete innerhalb einer guten halben Stunde das Rohr. Auch im Umgang mit dem Bolzenschneider waren die Beamten des BGS vertraut, so dass die Aktivisten gegen 21:40 in Gewahrsam genommen werden konnten. Insgesamt verlief dieser Teil äußerst befriedigend, lediglich im Umgang mit einem Kamerateam des SWR wiesen die Eingesetzten Kräfte einige Schwächen auf und schienen unsicher zu sein.

Der Folgende Prüfungsteil "Festnahme" mit den Unterpunkten .Bürokratie. und "Fotosession" dagegen entpuppte sich als wahre Stolperfalle. Zwar gelang es dem Zugbegleitpersonal anfangs noch den Überblick zu wahren und immerhin wurden Rechte verlesen und Fotos gemacht, allerdings schien die Reihenfolge der Maßnahmen mitunter fragwürdig: als ungünstig erwies sich zum Beispiel die Fesselung der beiden Atomgegner bevor sie eine Festnahmebestätigung unterschreiben sollten. Wahre Abgründe jedoch taten sich auf bei der Übergabe der Festgenommenen vom Zugbegleitpersonal zum BGS Stuttgart: die einzelnen Schritte waren geprägt von gegenseitigem Misstrauen und Kompetenzgerangel. Zwischenzeitlich gingen auch Personalausweise, sogar ganze Beamte verloren, später wurden diese jedoch glücklicherweise wiedergefunden.

Der folgende Gefangenentransport erfolgte zunächst über die Gleise zum nächsten Bahnhof, da den gefesselten Aktivisten in der Dunkelheit Kletterpartien an den Steilhängen nicht zugemutet werden konnte. Die 1,5 km wurden in einer knappen Viertelstunde zurückgelegt, die zuständigen Beamten könnten diese Zeit in einem regelmäßigen Lauftraining verbessern. Nach insgesamt 2 Stunden und 15 Minuten (von denen knapp 40 Minuten auf die Maßnahmen zur Öffnung des Rohres entfielen) setzte der Castortransport seinen Weg ins Wendland fort. Für die beiden Angeketteten begann die Odyssee erst noch.

Die Einsatzkräfte verbrachten die inzwischen in Kettengelegten Aktivisten auf Umwegen nach Neckarsulm, wobei nicht ganz geklärt war, wer hier mehr verwirrt wurde. Dort verbrachten die beiden nach mehrmaligem Abtasten durch verschiedene Beamte eine ruhige Nachthälfte. Gegen 6 Uhr morgens jedoch wurde die Ruhe jäh gestört, um sie nach Heilbronn zu bringen, wo sie "nach erneuter Irrfahrt durch die Nordschwäbische Metropole" die restliche Nacht verbrachten.

Gegen 10 Uhr folgte die letzte Etappe der Prüfung zur Polizeidirektion, wo ein herzhaftes Frühstück (Käsebrot und Apfel) und die Erkennungsdienstliche Behandlung auf die beiden wartete. Gegen 12 Uhr war die Prüfung gelaufen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Beruf der Polizei sehr interessant sein muss. Dauernd in neuen Gegenden, in denen sich zurechtgefunden werden muss, unter erschwerten Bedingungen (Bahnschwellen) und sprachlichen Barrieren (schwäbisch). Technisch anspruchsvoll und abwechslungsreich gestaltetes Programm (Pyroeffekte, Einsatz von Zügen und Hubschraubern), Bastelaufgaben (Rohrbefreiung) und Papierkrieg und Orientierungsfahrten ohne Kompass, nur unter Zuhilfenahme von Straßenbeschilderung und Karten und Abnahme der Fingerabdrücke, für jeden scheint etwas dabei zu sein.

Der Prozeß

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